Beiträge zur Limbacher Geschichte

Gerd Imbsweiler 3.2.2010_Faber Verlag_Beiträge zur Limbacher Geschichte – in loser Folge (40)

Friedhöfe: Steinerne Zeugnisse dörflicher Geschichte – Plädoyer für einen angemessenen Umgang

Wir, Walter Klein und der Chronist, haben als interessierte Bürger kürzlich dem aufgelassenen Friedhof hinter der prot. Kirche und dem noch benutzten im Wäldchen einen Besuch abgestattet. Wir haben Heinz Grub als Ortsvorsteher und den Bildhauer und Dipl.-Designer Ralf Jenewein als Fachmann hinzugebeten.

I. Zunächst zum ehemaligen Friedhof hinter der prot. Kirche, der im Sommer zu einem beliebten Treff geworden ist. Das hat seine Gründe:
Mitten im Dorf liegt er nahe der verkehrsreichen Hauptstraße, aber abgeschirmt durch die prot. Kirche. So strahlt er Stille und Beschaulichkeit aus. Durch den Baumbewuchs, durchsetzt mit Grabmälern, ist das Gelände ähnlich einem Park.
Den noch übriggebliebenen Grabmälern, die ihm seine besondere Apartheit verleihen, galt unsere Aufmerksamkeit. Aus einer Bestandsaufnahme, die der damalige Presbyter Ludwig Daniel (1914-1997) angefertigt hatte, ist ersichtlich, dass noch in den 70er Jahren die Mehrzahl der Gräber und damit auch der Grabmäler vorhanden war. Dass die Gräber seither kontinuierlich eingeebnet worden sind, ist verständlich, lebten doch die Angehörigen, die für eine Pflege in Frage gekommen wären, nicht mehr. Leider wurden dabei auch die meisten Grabmäler abgeräumt – ein Vorgehen, das dann Gott-sei-Dank in den 90er Jahren gestoppt wurde. Der Zerfallsprozess, besonders bei den Grabmälern aus Sandstein, geht allerdings weiter.
Wir waren uns einig: Die wenigen noch vorhandenen sollten erhalten und, soweit notwendig, restauriert werden: Sind sie doch, wenn man sie zu interpretieren versteht, Stein gewordene Geschichte: Sie lassen das Limbach des 19. Jahrhunderts wiederaufleben, sie erinnern an Menschen unseres Ortes, die ehemals eine prägende Rolle gespielt haben; ihre teilweise repräsentativen Grabsteine zeugen von deren Selbstbewusstsein und Wohlstand – ein Wohlstand, der noch nicht von der Industrie und Dienstleistungsberufen herrührte, sondern auf der Landwirtschaft und dem selbständigen Handwerkertum beruhte; auch Stil, Dekor und Material haben sich im Vergleich zu heute gewandelt, was nicht verwunderlich ist: Geschmack, Mode und Kunstauffassung sind ständig im Fluss, gehen mit der Zeit, deren Widerspiegelung sie sind.
Inwieweit lassen sich unsere Thesen bestätigen, wenn wir uns folgende Grabmäler näher anschauen?
Bei zwei Grabmälern zerbröselt der Sandstein zusehends, trotz dieser Beschädigung sind es Arbeiten, deren hohe handwerklich-künstlerische Qualität augenscheinlich ist. Nebenbei bemerkt: Auch der Verfallsprozess hat seinen Sinn, an ihm kann man ablesen, welcher Stellenwert steinernen Zeugnissen in der Geschichte des Ortes zugebilligt wird. Immer, wenn derartig aussagefähige Steine verfallen sind oder abgeräumt werden, geht nämlich auch ein Stück Dorfgeschichte verloren. Doch nun zum Detail:
Das eine in Betracht kommende Grabmal ist das des Jakob Korst (1855-1896), den wir im Beitrag 39 kennengelernt haben: Er hatte in die Schottfamilie des Bliesbergerhofes eingeheiratet und hatte 1882 die Konzession zum Betrieb einer Gastwirtsaft, die noch heute im Besitz seiner Nachfahrin Irmgard Linn-Korst ist, erhalten. Dieses Grabmal ist eine Arbeit des Bildhauers Karl Lehmann, des Ehemannes der Anna Maria Wagner, Tochter Peter Wagners. Nach Aussage Walter Kleins, des Großneffen der Anna Maria Wagner, war es sein Meisterstück Ein wahrhaft gelungenes: Aus dem Sockel mit den noch in den 80er Jahren lesbaren Namen Jakob Korst und Elisabeth Schott, wie ein Foto des Bierbacher Helmut Geith (+), eines Verwandten Walter Kleins, zeigt (Abb.1 Jakob Korst-Grabmal), wächst ein Kreuz, an dessen einem Arm mittels eines Taus ein beschädigter Anker befestigt ist; den anderen Arm und Stamm zieren Mohn und Mohnblätter. Die Art und Weise, wie Karl Lehmann aus der Höfches Lehmann-Linie dem Sandsteinmonolith die Figuren entlockt, nötigt Bewunderung ab: Die Pflanzen sind so naturgetreu, dass man den Eindruck bekommt: Das ist Mohn. Anker und Tau sind ebenso realitätsgetreu aus dem Material gehauen. Beim Anblick des Kreuzes, obwohl aus Stein, erhält man die Assoziation von Holz. Der Meister war auch mit christlicher Symbolik vertraut: Das Kreuz, das an den Opfertod Jesu erinnert, steht für Glaube, der Anker symbolisiert die Hoffnung und Gewissheit auf Heil, das Tau, das den Anker ans Kreuz bindet, symbolisiert die Liebe, mit Mohn verbindet man Schlaf bzw. Tod. Bibelkundig war er gewiss auch. Das Pauluswort „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, am größten jedoch unter ihnen ist die Liebe“ (1. Korinther 13,13) ist seine bildhauerische Umsetzung. Karl Lehmann war mit einem Wort ein gläubiger und gebildeter Mann. Das Talent zum Bildhauer war übrigens in der Höfches Lehmann-Linie genetisch, wie man heute sagt, angelegt: Zwei seiner Neffen, nämlich Friedrich in Neunkirchen und Ernst in Elversberg, übten ebenfalls das Handwerk aus.
Der Verwitterungsprozess des anderen Grabmals, ebenfalls aus Sandstein, ist fortgeschrittener: Auch hier sind die Namen im Sockel nicht mehr lesbar. Ein Foto aus früherer Zeit, wie im Fall Korst-Schott, besitzen wir nicht. Auf Grund der schon erwähnten Danielschen Bestandsaufnahme wissen wir aber, dass auf dem Sockel die Namen Christian Korst (1846-1898) – seines Zeichens Schreiner – und seiner Ehefrau Katharina Korst-Schwitzgebel (1851-1931) eingraviert waren. Die Rundsäule auf dem Sockel ist mit einer stark zerbröselten Girlande verziert (Bild 2 Christian Korst-Grabmal). Auch dies eine Arbeit, deren Qualität immer noch sichtbar ist, auch sie könnte von Karl Lehmann stammen.
Diese Korsts, wie auch die Korst-Linie der Korschdewanersch, waren seit Generationen Ackerer und selbständige Handwerksmeister. Im Dorf hießen sie (in Abgrenzung zu den „Korschdewanersch“) „Schuhbadels“, abgeleitet von dem Urahn Barthel Klein, einem Schuhmacher (Nachfahren heute: Hannelore Leibrock-Gräßer, Manfred Gräßer). Dennoch gehen beide Linien auf den aus Waldmohr stammenden Vorfahr Michel Korst (1725-1790), verheiratet mit einer Maria Elisabeth Leibrock (1732-1800), zurück. Des Schreiners Christians Vater Georg Philipp war Wagner (d.i. Wagenbauer), sein gleichnamiger Sohn Christian („Ted“) war wiederum Schreiner, dessen Cousin Ludwig war indes wieder Wagner. Die heutigen Nachfahren Christian Korsts sind übrigens (über Sohn Christian „Ted“) Bäckermeister Christian Hock und Ursula Hock. Beide Grabmäler, da waren sich die Teilnehmer der Begehung einig, sind Zeitdokumente; nicht auszudenken, sie wären unlängst auch abgeräumt worden: Es fängt beim Sandstein an, dem bevorzugten Material im 19. Jahrhundert; die dekorative, qualitätsvolle und aussagekräftige Bildsprache – auf heutigen Grabsteinen undenkbar – zeugt von Menschen, die, obwohl sie früh verstorben waren (Jakob Korst mit 41 Jahren verstorben, Christian mit 52 Jahren), einerseits noch im Glauben tief verwurzelt waren; er gab ihnen Halt und Zuversicht; sich zu ihm vor aller Welt zu bekennen, hatten sie keine Scheu; andererseits schadete es ihrem Ansehen nicht, den Zeitgenossen und den Nachfahren zu dokumentieren, dass sie sehr wohl in der Lage waren, derartig aufwändige Grabmäler in Auftrag zu geben. Wer sichs leisten konnte, auf dem ruhte – echt reformatorisch gedacht – Gottes Segen.
Die Korsts, beginnend beim Vorfahren Michel Korst, waren, wie der im Besitz Herbert Korsts befindliche Auszug aus dem „Renovationsprotokoll aus dem Jahr 1770 des Michel Korsten zu Limbach auf dortigem Bann liegende Hausplätz, Gaerthen, Wiesen, Äcker und Willerungsland“ ausweist, seit Generationen vermögende Grundbesitzer und selbständige Handwerker, vornehmlich Wagner und Schreiner. Ihre materielle Unabhängigkeit verlieh ihnen Selbstbewusstsein und erlaubte ihnen auch, sich im Dorfleben, z.B. beim MGV, im Gemeinderat und im Presbyterium, zu betätigten.
Die im 39. Beitrag abgebildeten Grabmäler Johann Georg Lehmanns und Peter Wagners, dessen mittlere Säule vom Thorwaldsenschen Christus bekrönt ist, sind in einem leidlichen Zustand, ebenso das Webersche Familiengrab und das des Lehrers Blaufuß, Schwiegervater Peter Wagners, mit der selbstbewussten Aufschrift „Er war ein Lehrer“ (Bild 3 Blaufus-Grabmal). Auch mit diesen Grabmälern tragen ihre Auftraggeber offen zur Schau, dass sie sich ihres Standes und ihrer Bedeutung, beruhend auf Tüchtigkeit, Wohlstand und Bildung, gewiss waren und sie über den Tod hinaus zur Schau trugen: Der Bäcker, Wirt und Landwirt Johann Georg Lehmann stand als Bürgermeister 29 Jahre dem Dorf vor; der (bisher einzige) Ehrenbürger Peter Wagner dominierte das Vereins- und kirchliche Leben, z.B. war er MGV-Gründer und Jahrzehnte lang Dirigent, ebenso lange Organist, Kantor, Presbyter und Gemeindeschreiber. Die Webers waren der größte Arbeitgeber im Dorf: Die einheimischen Wagner, Schreiner, Hufschmiede und Sattler waren auf ihre Aufträge angewiesen, die Landlosen waren froh, wenn sie als Knechte/Mägde oder Tagelöhner bei ihnen arbeiten durften. Vierspännig fuhren sie aus, sie lieferten Mehl bis an die luxemburgische Grenze, besaßen das meiste Land; schon die Vorfahrin Eva Maria Cron brachte in ihre Ehe mit Johann Jakob Weber 1774 sage-und-schreibe 89 Morgen Acker-, 15 Morgen Wiesen- 4,5 Morgen Gartenland mit, Land, das sie im Laufe der Zeit vermehrten. Ihre wirtschaftliche Bedeutung schlug sich auch politisch nieder: Carl W. Weber (1846-1932), der den Mühlenbetrieb leitete, saß im Gemeinderat, Otto Weber (1843-1904), der für die Landwirtschaft zuständig war, saß im Bezirksrat. Ihr Reichtum machte die Webers standesbewusst, dazu zwei Beispiele:
Carl und Otto heirateten nicht in Limbacher Familien, sie waren nicht ebenbürtig; ihre Frauen waren Töchter des Mühlenbesitzers Ritter aus Herbitzheim (Bild 4 Carl und Philippi. Weber-Ritter, Otto und Karoline Weber-Ritter).
Als Carls Sohn Wilhelm (1884-1940) Webers Magd Paula Knerr (1893-1935) geehelicht hatte (Bild 5 Das Ehepaar Weber-Knerr), weil ein Kind im Anzug war, wurde er gezwungen, sich von seiner Frau wieder zu trennen. Beider Kind Wilhelm (1918-1999), das sie der Mutter wegnahmen, wuchs im großelterlichen Haus auf. Dieser Professor Wilhelm Weber, der spätere Direktor des Rheinischen Landesmuseums und Autor vieler Bücher, dessen Name der letzt angebrachte auf dem Weberschen Grabmal ist (Bild 6 Wilhelm Weber), erlebte den tragischen wirtschaftlichen Niedergang seiner Familie, er selbst aber setzte als Kunsthistoriker und Kunstexperte zu neuem Höhenflug an.
Wer sich die Mühe macht, das Wagnersche und Webersche Grabmal näher zu betrachten, wird zu einer Fülle von Erkenntnissen, die die Geschichte Limbachs unschätzbar bereichern, kommen: Beide Arbeiten nehmen in unserm Ort inhaltlich und formal eine Sonderstellung ein:
Beide sind im Vergleich zu den vorhandenen, auch zu denen, die ehemals auf diesem Friedhof standen, von monumentaler Größe, auch in künstlerisch-handwerklicher Hinsicht sucht man ihresgleichen. Das Wagnersche (Bild 7 Gesamtansicht des Wagner-Grabmals) besteht aus drei Pfeilern: Der mittlere erhöhte, bekrönt von einer segnenden Christusfigur, deren eine Hand abgebrochen ist (wie schon erwähnt, eine Replique des Dänen Bertel Thorwaldsen, 1768-1844, der lange Jahr in Rom gearbeitet hatte und sich dort den Klassizismus angeeignet hatte), wird flankiert von zweien, die, deutlich niedriger, in Form und Höhe sich entsprechen. Aus diesen „ergießt“ sich jeweils eine Volute. In die Nischen der drei Pfeiler ist schwarzes Glas, auf denen in Gold die Namen der Verstorbenen eingraviert sind, eingelassen. Alle diese Formelemente sind, einzeln genommen, nichts Besonderes, aber in ihrer Gesamtheit bemerkenswert. Das wuchtig-schwere Grabmal, das auf einer abgestuften Basis ruht, wirkt zwar monumental, die Auflösung in drei Pfeiler, ihre ungleiche Höhe, das Fließende der Voluten, die Brechung der Vertikalen durch die Horizontale erzeugen den Eindruck von Leichtigkeit, Harmonie und Ausgewogenheit. Das Grabmal, einschließlich der klassisch schönen Christusfigur ist ein steinernes Dokument: Es widerspiegelt die Auffassung von Ästhetik dieser Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, es kündet vom Glauben an den Heilsbringer Jesu Christi und zeugt von der Bildung des Auftraggebers.
Ausgewogene Harmonie ist das Grundelement auch des Weberschen Grabmals (Bild 8 Gesamtansicht des Weber Grabmal): Auch hier ist der Aufbau dreiteilig: drei Ädikulae (tempelartige Nischen) der mittlere mit Dreiecksgiebel, die zwei äußeren mit Volutenplatten, eingerahmt von Säulen. Deren Vertikale und die Horizontale der Gesimse halten sich die Waage; den Nischen in der Mitte, die mehr hoch als breit sind, entsprechen die Nischen im Architrav, die umgekehrt mehr breit als hoch sind. Der Muschel im Architrav antwortet das Relief im Sockel: Trotz starker Beschädigung erkennt man zwei aufrecht stehende Löwen, die die (vielleicht Müller-)Werkzeuge (Zahnrad, Winkel, Zirkel) in der Mitte flankieren (Bild 9 Relief). Die Gliederung der Säulen durch Kanneluren, Basis und Kapitelle verleiht ihnen Leichtigkeit. Das Charakteristische des Grabmals ist, kurz gesagt, die Ausgewogenheit trotz der Fülle von Formelementen, wie Säulen, Architrav, Voluten und Reliefs. Die Tatsache, dass sie nicht in einer Ebene angebracht sind, sondern vor- und zurückspringen und sich harmonisch abwechseln, verleiht dem Grabmal Leichtigkeit, es strahlt Ruhe aus; es ist aufwändig und repräsentativ, dennoch nicht aufdringlich und protzig. Auch dieses Grabmal ist ein Dokument: Es zeugt von Menschen, die wohlhabend waren, sich dessen bewusst waren, aber ihren Wohlstand mit Geschmack zu präsentieren wussten.
Die restlichen Grabdenkmäler, die an ihrem Ursprungsort aufrecht standen, sind seit ihrer Verlegung an die Mauer des Grubschen Anwesens liegend aneinandergereiht (Bild 10 Die entlang der Mauer aufgereihten Grabmäler). Sie sind damit vorerst gerettet, aber nach Ansicht Jeneweins sollten sie wieder wie die Grabplatten in den Klöstergängen üblich ihre ursrüngliche, nämlich aufrecht stehend Stellung (sc. entlang der Mauer), erhalten – so wie in der Klosteruine Wörschweiler, wo sie auch aufrecht stehen, gelehnt an die Mauer. Das Material dieser etwas jüngeren Grabmäler ist nun schwarzer Basalt, relifiert mit Jugendstilmotiven (Bild 11 Jugendstilmotive: 2 Beispiele), ein Stil, der mit seinen figurativen Elementen (florales und geometrisches Dekor) eine Antwort und Abkehr zum Materialismus der Jahrhundertwende, bedingt durch die Industrialisierung, sucht. Diese Maßnahme und die Restaurierung der zuvor genannten Grabmäler kosten natürlich Geld. Auf Anregung des Ortsvorstehers wird Jenewein einen Kostenvoranschlag erstellen.
Fazit: Wenn wir ein Fazit ziehen, dürfen wir ohne Übertreibung sagen: Die wenigen Grabmälern des ehemaligen Friedhofs und die Menschen, für die sie erstellt sind, widerspiegeln wirtschaftlich, sozial, politisch, demografisch die damalige Zeit. Sie sind wie ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch, in dem, solange sie vorhanden sind, gelesen werden kann. Unser Dorf verfügt über wenig repräsentative Bauwerke, die Grabmäler des ehemaligen Friedhofs gehören jedenfalls dazu – wer daran zweifelt, schaue sich die heutigen Friedhöfe an, wo einerseits die Satzung derartige individuelle Gestaltung nicht zulässt, andererseits Auftraggeber und Bildhauer mit völlig anderen geistigen und materiellen Vorstellungen mit den Verstorbenen umgehen.
II. Das Gelände zum Wäldchen wurde seit 1910 auch als Friedhof genutzt. Beleg: Die Aufschrift auf dem Sockel von Christian Hock (+4.4.1910) „Das erste Grabmal auf diesem Friedhof“ (s. Beitrag 39), daneben das von Ludwig Weiler (2.4.1910) (Bild 12 Grabmal Ludwig Weilers). Dass beide Grabmäler erhalten sind, ist ein Glücksfall: Einmal sind sie die einzigen hier, die noch mit Jugendstilmotiven verziert sind, zum anderen erinnern sie an zwei Männer, die Tätigkeiten ausgeübt haben, die es so heute im Ort nicht mehr gibt:
Christian Hock war Schuhmacher und Landwirt. 1889 wählte ihn der Gemeinderat unter sieben Bewerbern zum Polizeidiener. Damit war er befugt und verpflichtet im Bereich der Gemeinde das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen, dazu zuständig für Bekanntmachungen und Ausrufungen. Heutige Polizisten sind Landesbeamte, ihre Befugnisse sind längst nicht so weitreichend wie die der gemeindlichen Polizeidiener, was auch ihre gute Besoldung (s. Beitrag 39) erklärt. Übrigens: Nach der damaligen Gemeindeordnung waren die Gemeinden noch richtige Selbstverwaltungsorgane.
Der ledige Ludwig Weiler war als Tiefbohrmaschinenbesitzer (laut Sterbeurkunde) zu Wohlstand gekommen, wovon das handwerklich anspruchsvolle Grabmal und das repräsentative Haus Mozartstraße 3, das er mit seinem Bruder Jakob errichtet hatte, zeugen. Das nächst älteste Grab ist das des August Leibrock, geb. am 22. 9. 1889, gefallen am 22.10.1914. Dieses Soldatengrab des 1.Weltkrieges, südlich des Hauptweges (Bild 13 Grab August Leibrocks), ist ein einmaliges Dokument: Die Inschrift „Er starb den Heldentod“ erinnert einerseits an die damalige nationale Begeisterung, an dem „Auf Wiedersehn“ andererseits erkennt man den Glauben der Eltern Karl Leibrock (1856-1929) und Maria Karoline Leibrock-Schmidt (1859-1913): Er gab ihnen Trost, ihren hoffnungsvollen Sohn wiederzusehen. August Leibrock hatte, wie mir seine kürzlich verstorbene Nichte Erna Pfeifer-Müller erzählte, Abitur im Herzog-Wolfgang-Gymnasium in Zweibrücken gemacht – eine Seltenheit damals, war doch die verkehrliche Anbindung nach Zweibrücken sehr ungünstig. August Leibrock hatte das Privileg, in der Kutsche Richard Webers, des Sohnes des Brauereibesitzers Christian Weber, mitgenommen zu werden (Bild 14 August Leibrock präsentiert sich voller Stolz in Uniform). Eine andere Nichte ist die ebenfalls kürzlich verstorbene Hilde Müller-Weiler.
Da nur der hintere Teil des Friedhofs (westlich des Treppenaufgangs) in Zukunft für Bestattungen vorgesehen ist, besteht die Chance, dass der vordere Teil ebenfalls einen parkähnlichen Charakter erhält: Baumbewuchs dazwischen Grabmäler, eine Gestaltung, die jetzt schon nördlich des Hauptweges praktiziert wird. Da nicht alle Grabmäler erhalten werden können, stellt sich bei jedem Grab, dessen Nutzungs- und Ruhefrist abgelaufen ist, die Frage, ob das Grabmal erhalten werden soll. Nach unserer Vorstellung sollten, das Einverständnis der Angehörigen, sofern vorhanden, vorausgesetzt, zwei Kriterien gelten:
– Handwerklich-künstlerisch herausragende Arbeiten. Da es einen objektiven Maßstab dafür nicht gibt, könnte ein örtliches Gremium, das der Gemeinderat auf Empfehlung des Ortsrates beruft, im Einvernehmen mit der Verwaltung Vorschläge erarbeiten. Wir waren uns z.B. einig, dass das Ensemble im Bereich der Theobald- und Anastasius-Hock-Stelen diesem Kriterium entspricht. Zusätzlich sind Theobald und Anastasius Hock über die Grenzen Limbachs bedeutsam geworden: Der eine als Dichter, Diplomat und Vorkämpfer des Protestantismus, der andere als Arzt. Das gleiche gilt – natürlich in geringerem Maße – für das Grabmal Kurt Reinhards, des Stifters der Stelen. Wer mit der Akzeptanz dieses Ensembles Probleme hat, sei daran erinnert, dass in den Städten ganze Friedhöfe, in denen Grabmäler großer Söhne (und Töchter) stehen, unter Denkmalschutz gestellt sind und deswegen erhalten und gepflegt werden. Auch das Grabmal des Karl Jung („Matze“) und der Charlotte Jung-Schneider („Jokobs“) dürfte m.E. dieses ästhetische Kriterium erfüllen (Bild 15 Karl Jung-Grabstein mit allerdings verkehrten Daten).
– Als nächstes Kriterium für die Erhaltung von Grabmälern sollten die der Kriegsopfer, Soldaten und Zivilisten, sein. Zahlreiche Limbacher (95 Gefallene, 47 Vermisste) sind damals umgekommen, je weiter die Zeit zurückreicht, desto mehr verblasst die Erinnerung daran, um so wichtiger werden die steinernen Zeugen sein.
Folgende Grabmale Gefallener bzw. Vermisster des 2. Weltkrieges findet der Besucher noch vor:
Erwin Guth 16.12.1924-4.11.1944 (Eltern: Albert Guth und Anna Guth-Schott) (Bild 16 Erwin Guth),
Reinhold Trautmann 24.8.1915-29.11.1943 Feldwebel (Bild 17 Reinhold Trautmann) (Eltern: Friedrich Trautmann und Charlotte Trautmann-Klein „Mensches“). Seine Frau war Gertrud Trautmann-Jung „Matze“. Friedrich Trautmann stammte aus Wörth im Unterelsass, daher „Elsässer Fritz“ genannt.
Karl Enkler 15.11.1909- Dez. 1942 vermisst in Stalingrad
Walter Daniel 25.9.1910-21.12.1941
Die Ziviltote Katharina Enkler 1909-1943 (Bild 18 Daniel-Enkler). Katharina Enkler-Daniel kam am 9. August 1943, sitzend auf dem beladenen Getreidewagen, bei einem Eisenbahnunfall auf dem Bahngelände des Bahnhofes Limbach ums Leben. Zurückblieben waren vier Waisen: Gertrud Lucke-Enkler ( acht Jahre alt), Hilde Jung-Enkler (sechs Jahre alt), Elfriede Leibrock-Enkler (vier Jahre alt), Karl Walter Enkler (noch nicht eineienhalb Jahre alt)
Oskar Imbsweiler 29.5.1908- 30.4.1945 (Bild 19 Oskar Imbsweiler). Der Krieg endete am 8.5.1945. Er war mit Werner Grub der letzte Kriegstote, acht Tage vor dem offiziellen Kriegsende
– Helmut Hock 28.3.1924-8.7.1944. Er fiel nordwestlich Caen (Eltern: Balthasar Hock und Klara Hock-Fess) (Bild 20 Helmut Hock)
– Arno Bachmann 24.2.1927-16.2.1945. Er fiel bei Bastendorf in Luxemburg (Eltern: Kurt Bachmann und Erna Bachmann-Sauerbrey) (Bild 21 Arno Bachmann)
– Werner Wagner 26.11.1925- 19.1.1945 vermisst (Eltern: Ludwig Wagner und Anna Wagner-Korst) (Bild 22 Werner Wagner)
– Die Grabplatte folgender Ziviltoten durch den Aritreffer auf den Dole des Mutterbaches am 18. März 1945: Herbert Altherr (*1940), Lieselotte Altherr (*1939), Hermann Leibrock (*1880), Antonia Großkloß (*1908), Albert Großkloß (*1901), Renate Großkloß (*1932), Heini Großkloß (*1938), Gerlinde Klein (*1932) (Bild 23 Dole-Toten-Gedenkplatte, gestiftet von Klaus Homberg)
Abschließende Bemerkungen: Man kann wohl davon ausgehen, dass die Mehrzahl der Kommunen, ob Stadt oder Dorf, mit ihrer Geschichte pfleglich umgeht. Denn vieles, was die Gegenwart ausmacht, ist ohne Kenntnis der Vergangenheit nicht verständlich. Strittig ist nur, was unter Pflege zu verstehen ist und welcher Bereich der Vergangenheit darunter fallen soll, also erinnerungswürdig ist. Die Schwerpunkte und die Intensität variieren von Ort zu Ort. Mancherorts hat sich eine regelrechte Erinnerungskultur entwickelt. Dort gehört in jedem Fall der Umgang mit den Friedhöfen dazu, hat man doch dort erkannt, dass die Erhaltung von Grabmälern, sofern sie aussagefähig erachtet werden, genauso wichtig ist wie z.B. die Pflege der Akten, die Ordnung der Archive oder die Ahnenforschung. Richtiger Umgang mit den Friedhöfen und den Grabmälern ist, neben dem Beitrag zur Erinnerungskultur, auch städtbaulich eine Bereicherung. Limbach ist hier auf dem richtigen Weg: Seit der vordere Teil in nördlicher Richtung schon geraume Zeit nicht mehr belegt wird, hat sich hier ein Ambiente, vergleichbar dem des ehemaligen Friedhofs hinter der prot. Kirche, entwickelt: Baumwuchs, dazwischen Grabfelder; dieser angemessene Umgang ist hoffentlich Vorbild für den Teil gegenüber, wenn die (Nutzungs- und Belegungs-)Fristen abgelaufen sind. Würde nämlich die Stein gewordene Erinnerung an die eigene Geschichte und Kultur getilgt, vergäße sich unser Ort.

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