#Dialog_der_Kulturen – wie alles Begann

  • ein Erlebnisbericht von Astrid Hilt
    Fotos u.a. von Michael Wolf.Der Andrang war beeindruckend, und wenn nicht so viele bekannte Gesichter zu sehen gewesen wären, hätte ich bestimmt weiche Knie bekommen.

Die Eröffnungsfeier unserer Ausstellung „Dialog der Kulturen“ begann um Punkt 17:00 Uhr. Osama, unser aus Ägypten stammender Chorleiter, hob den Dirigentenstock an zum ersten Lied: „I have a dream“  von Abba. Es war das einführende Stück, das wir – der kosmopolitische Chor aus dem saarländischen Kirkel-Limbach für die Veranstaltung vortrugen, zu der unser Bundesjustizminister angereist war, und nun direkt vor uns in der ersten Reihe saß.
Unseren Chor gibt es seit der sogenannten „Flüchtlingswelle“ im Sommer letzten Jahres. Manche von uns kommen von weit her, andere sind hier aufgewachsen. Ich selbst bin vom anderen Ende des Saarlandes, und damit von nicht so weit her, und doch nicht von hier.

Was wir gemeinsam haben: wir gehören hier dazu.

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Wie so viele der Menschen, die ich in dem zum bersten gefüllten Raum sehen konnte. Die Veranstaltung heißt „Dialog der Kulturen“. Sie hat uns in den letzten Wochen ganz schön in Atem gehalten, und war doch nur der äußere Ausdruck, von dem, was im letzten Jahr geschehen ist. Nach all den Mühen um Verständigung, Finden und Verteilen von Dingen des täglichen Bedarfs, Mitfiebern mit den Höhen und Tiefen der Ereignisse, die sich in der Heimat dieser Menschen abspielten, und schließlich die Wohnungssuche und die Dinge im Jobcenter.
Auf dem Weg dorthin wurden mir einige von ihnen zu wertvollen Freundinnen und Freunden. Und die, die sie ebenfalls begleiteten, wurden es auch. So hat sich mein Freundeskreis seit August 2015 exponentiell vergrößert. Und einige dieser Menschen, die ich seit dem kennengelernt habe werden vielleicht für immer in meinem Leben – mit Sicherheit aber in meinem Herzen sein.

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Eine von ihnen ist meine Freundin Reham – sie ist sozusagen ´mein erster Flüchtling´, also die erste Person von der Million nach Deutschland geflüchteten Menschen im letzten Jahr, die ich näher kennengelernt habe, die für mich zur ´Person´wurde.
Ich hatte montags vormittags ein wenig Zeit, als ich beim Blick in die Facebook-Nachrichten von dem Nachbarschaftsnetzwerk in Kirkel erfuhr. Ich hatte eine Einladung in eine Gruppe. Da mir die Rechts-Hetze gewaltig auf die Nerven ging, freute ich mich darüber, dass hier so nah sich so was entwickelt.
Es wurden Leute gesucht, die die Berge an gespendeten Dingen sortierten.
Ich fuhr rüber, wir machten das klar, und dann kamen die Flüchtlinge.
Eine Gruppe von 10 jungen Menschen mit überraschend unterschiedlichem Aussehen – eine junge Frau war dabei.
Nach einer Weile war der erste Bedarf gedeckt. Ich bot an, den Transport zu übernehmen. Die junge Frau fuhr mit, um mir den Weg zu erklären. Dabei kamen wir ins Gespräch: „Was machst du denn beruflich“ fragte ich auf englisch.
„Ich male – und bin Bildhauerin. Und du?“ – „äääh – ich bin Bildhauerin … und Steinmetzin“

Es hat eine Zeit gedauert, bis wir in Gänze verstanden haben, was wir da eben festgestellt haben. Reham ist eine ausgesprochen talentierte Künstlerin, die unseren Steinmetz-Betrieb nicht zuletzt durch ihre Ideen und ihre Geschichte bereichert.
Wir haben einen Einblick in die Wiege unserer Kultur bekommen. Durch die arabischen Schriftzeichen, die sie mir gezeigt hat, und die dazugehörige Kalligraphie konnte ich mir wertvolle Inspirationen nehmen, die mich im meiner Arbeit in der Schriftgestaltung weiterbringen – auf die ich regelrecht gewartet habe. Zwischendurch gibt es schwierige Phasen, in denen Details aus den Geschehnissen in Syrien auf einmal in so greifbare Nähe gerutscht sind, dass es schier unerträglich wird. Zum Beispiel der Bombenangriff des französischen Militär auf das Krankenhaus in ihrer Heimatstadt, bei dem die komplette Kinderstation zerstört wurde. Keine Überlebenden. Ihre Trauer zerriss mir schier das Herz.

Und es gibt die leichten, genau so unfassbaren: das diese um 20 Jahre jüngere Frau die gleiche Musik hört und mag wie ich, und dass wir ähnlich arbeiten – ihre Malerei gleicht aus überraschende Art meiner Bildhauerei. Die Momente, in der wir uns in der Vorbereitung auf unsere erste gemeinsame Ausstellung in die Wolle bekamen – die Zeit war wahnsinnig knapp, die Erwartung völlig ungewiss und entsprechend war der Stress. Dabei bemerkten wir, dass wir uns aushalten, auch in solchen Situationen.
Die Ausstellung war wunderschön. Sowas in unserer Werkstatt … kaum zu fassen. Reham hatte mir einige Wochen zuvor einen ehemaligen Kunstprofessor aus Damaskus vorgestellt. Abdoulrazzak Al-Samman hat seine Bilder in Ölpastellkreide ausgestellt, die er nach seiner Flucht hier im Saarland gemalt hat.
Außerdem konnten wir im Saarland inzwischen eingesessene Kunstschaffende für unsere Ausstellung gewinnen:
Meine Freundin Pia Welsch mit ihren kostbaren Quiltarbeiten, und Nour Jaafar.
Der in Damaskus geborenen Maler ist seit Jahren mit uns befreundet.

Wir hatten eine Woche Zeit für die kompletten Vorbereitungen inklusive Werkstatt aufräumen und Pressearbeit – aber dadurch, dass wir schon vorher in Kontakt waren mit der Homburger Lokalpresse, hat das alles genau gepasst.
Unsere Geschichte war so herzerwärmend, ich bin fest überzeugt, dass man das in der Ausstellung spüren konnte. Obwohl alle einfach ihre Arbeiten zeigten. Ein gemeinsames Thema hatten wir nicht.

Einladung Weihnachtsausstellung

Durch die Weihnachtsausstellung ist dann einiges ins Rollen gekommen. Unter Anderem war Wilhelm Offermanns, ein langjähriger Besucher und Teilnehmer unserer Bildhauerkurse und Projektleiter , auf unsere Gemeinschaft aufmerksam geworden.
Er hat uns kurzerhand eingeladen, mit den Brüdern Khaled und Omar Al Mouqdad, die auch in Limbach gelandet sind, im Bildungszentrum der Arbeitskammer auszustellen. Die beiden Hobbyfotografen haben eine wunderbare Fotoserie auf die Beine gestellt, mit Hilfe des Profis Thorsten Wolf aus Limbach, der durch sein beherztes Wirken die Region und unsere neue Gemeinschaft schon des öfteren in Bildern eingefangen und ausgedrückt hat.
Als Dankeschön für die Starthilfe, die sie und ´ihre Leute´von den einheimischen Helferinnen und Helfern bekommen haben, ist die Reihe „Faces of us“ entstanden, die auf der eigenen Webseite dokumentiert ist, die ein im Webdesign versierter Helfer des Limbacher Nachbarschaftsnetzwerks eigens dafür gebaut hat.

So kam es zur Ausstellung „Dialog der Kulturen“, die nicht zuletzt wegen der fantastischen Pressearbeit Wilhelm Offermanns und der erfolgreichen Bemühungen der Unterstützer aus Arbeitskammer und der Gewerkschaft IGMetall ausgiebige Beachtung der Presse erlangen konnte. Die Männer konnten sogar Herrn Maas, unseren Bundesjustizminister als Schirmherrn gewinnen. Zwei TV-Teams meldeten sich an, um über die  Vorbereitungen zu berichten. SR und die Tagesschau. Sie kamen in unser Atelier, um über uns zu berichten. Interviews, noch mehr Aufregung und schlaflose Nächte – und wunderbare Berichte, auf die sich Menschen aus Köln und was weiß ich woher gemeldet haben.
Viele Fotografen und Reporter waren vor Ort – Profis, Amateure und Laien.
Gute Foto- und Filmaufnahmen sind entstanden.

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Aber einige sind dabei, bei denen man spüren kann, was unsere Gemeinschaft für die Menschen bedeutet, die auf der anderen Seite der Kamera waren.
Es gibt vieles, was mit Worten nicht auszudrücken ist, was ein Bild, ein Foto, eine Skulptur oder ein Relief transportieren kann.

Das macht unsere Arbeit so sinnvoll.

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