Jahresrückblick 2016

 

 

Da zieht es dahin, das Jahr 2016. Von vielen bescholten ist es jetzt, gegen Ende, nicht so leicht und beschaulich, wie ich es mir wünschen würde. Es gibt Dinge, die mich sogar sehr belasten: die Familie von Hany, unserem Freund und Mitarbeiter aus Damaskus, hängt immernoch an der türkischen Grenze fest, die sie vom Visumsantrag trennt. Dazu kamen diese Abschiebungen nach Afghanistan – mitten in der Adventszeit, die uns und unsere Bekannten in der Flüchtlingshilfe sehr belasten. Dinge, die auf die Gemüter drücken.

Das Jahr 2016 war für mich von Anfang an geprägt von zwei Extremen: Einem schaurigen „Außen“ mit seinen gruseligen Meldungen über das Zeitgeschehen, und einem lauschigen „Innen“ mit einer Fülle, die ich selten in einem einzigen Jahr erlebt habe. Die Meldungen kennen alle. Von den unfassbaren Vorfällen an Sylvester bis hin zu dem grausamen Anschlag in Berlin auf den Weihnachtsmarkt.

Aber meine Geschichte, die gehört auch dazu zu 2016:

Schon die Neujahrsparty bei unseren Freundinnen und Freunden im Nachbarort, mit diesen jungen Menschen, die noch so ganz neu waren für uns und für Limbach.

Wir hatten Kerzen aufgestellt; weil wir keine bösen Erinnerungen wecken wollten, hatten wir vor, statt Böller kleine Friedenslichter zu entzünden. Die Jungs waren anderer Meinung: Die wollten knallen. So ging es dann doch recht traditionell zu bei Nägeles. Allerdings kam etwas dazu: wir saßen lange noch vor der Tür und sangen arabische und deutsche Lieder. Es war eine der schönsten Neujahrsfeiern meines Lebens.

Dieser Start war bezeichnend für das Jahr 2016. Es hatte diese wunderbar warme und abenteuerliche Seite, die ich niemals missen wollte. Ich habe vielleicht noch nie in einem Jahr so unglaublich viel über andere Kulturen gelernt. Wir machten eine Tour mit unseren Ausstellungen „Dialog der Kulturen“ – über Kirkel, Saarbrücken, Ottweiler, Berlin und wieder heim in unser Atelier in Homburg – wo alles mit der 1. saarländisch-syrischen Weihnachtsausstellung 2015 angefangen hatte. Mit dabei war unser Chor „an die Freude“ – mir ´neuen´ und ´alten´ Nachbarn. Und mit der Gruppe KuUnKu waren wir sogar in Paris.
Und doch: in den Medien erfuhr man ein so ganz anderes Tagesgeschehen.

Es gab Momente in diesem Jahr, von denen wir unseren Enkelkinder noch erzählen können: der Sonnenaufgang im Bus auf der Fahrt nach Berlin war so einer – als Firas, unser halbstarker arabischer Chorclown uns mit dem Lied „Die Sonne tönt nach alter Weise – in Bruuudärssphäääähren Weeettgesang“ aus den spärlichen Träumen heraus schmetterte.

Ich kann mir keine Reise nach Berlin vorstellen, die diese übertreffen könnte, und sie war nur eines der Highlights des Jahres. Vier Tage, nachdem wir die Ausstellung in Berlin abgebaut hatten, um unsere Sachen wieder in Homburg in einer zweiten Weihnachtsausstellung zu zeigen – nur vier Tage danach – fuhr ein LKW in den Weihnachtsmarkt, an dem wir Freitags noch vorbeigegangen sind, und löste damit die entsprechend vorhersehbare Häme von rechts außen aus.

Anfang September hatten wir, wenige Tage nach der Premiere unseres Theaterstückes in Saarbrücken, eine kleine, feine Ausstellung in Paris. Es war in der deutschen evangelischen Christuskirche in der Stadtmitte – unweit der Moulin Rouge. Unser Freund Uwe Weissenseel war mit dabei. Michael Wolff hatte das ganze in die Wege geleitet. Wir haben dort ausgestellt, und unsere Geschichten erzählt, und irgendwann dazwischen haben wir die Menschen erreicht, die gar nicht so richtig vorgewarnt waren auf das, womit wir sie konfrontierten: mit uns. Mit dem was uns verbindet, was uns zusammen gebracht hat, was wir zusammen machen, welche Pläne wir haben.
Das Wochenende war heftigst anstrengend und heftig schön.
Davor, im August, waren wir in Italien mit einem unserer kurdischen Freunde. Es gibt dort unter Anderem ein Häuschen – oder besser gesagt einen alten Ziegenstall, den wir am Befestigen sind. Ich gehe davon aus, dass sich unser Begleiter Urlaub in Italien etwas anders vorgestellt hat. Trotzdem: es war eine wunderschöne Zeit.
In der Woche davor wiederum waren gleich drei Ausstellungen: die Nacht der Schönen Künste und das Life Jacket Project in Saarbrücken, sowie die Eröffnung des 3. Teils der Ausstellung „Dialog der Kulturen“, die uns im September nach Berlin geführt hatte, zu der eben auch der Chor gehört, und das Fotoprojekt „Faces of us“, bei dem zwei ´neue´ Limbacher Brüder Portraits ihrer Helferinnen und Helfer präsentieren, die ihnen den Start in das Limbacher Leben erleichtert hatten.

Davor war die Ausstellung bereits in Saarbrücken, im Haus der Beratung der Arbeitskammer zu sehen gewesen und im März, wo sie ihr legendäres Debüt im Bildungszentrum der AK hatte, bei dem Schirmherr Heiko Maas eine berührende Rede gehalten hatte, anlässlich der politischen Spaltung des Landes die die völlige tatsachenfreie Flüchtlings-Panikmache der Rechtspopulisten ausgelöst hatte.
Schon dort wurde die Mission der Ausstellungsreihe spürbar: Zeigen, was wirklich ist, um den Hirngespinsten etwas entgegen zu setzen.

So, an dieser Stelle wäre ich sozusagen am Anfang meiner Jahresrückschau angekommen. Einige Teile habe ich übersprungen – die Dramen der Wohnungssuche und – Einrichtens, die sieben Siegel des Jobcenters, und die vielen kleinen Schrittchen, in denen wir lernen mussten, uns zu miteinander zu verständigen.

Dazwischen gab es zarte Liebesgeschichten und andere Dinge, die sich abspielen, wenn Menschen zwischen null und neunzig aufeinandertreffen – wenn wir 2015 vom Sommer des Willkommens sprechen, 2016 war vor allem eins: es war UNSER Jahr – in dem aus Fremden welche wurden, die jetzt dazu gehören – die Sie nie wieder ´weg bekommen´ aus unseren Geschichten. 
Unser nächstes Ziel sind die Straßen im Land. Wir möchten den Leuten zeigen, was daraus geworden ist, aus dem, was wir im ´Sommer des Willkommens´angefangen haben. Unter dem Namen Zores. Saarland werden Kunst- und Kulturschaffende von hier und von überall sich unter die Leute mischen, um der Fremdenangst mit Liebe zu begegnen.
Mein Wunsch für heute ist, dass Hany mit zum Frühstücken kommt.

Schreibe einen Kommentar