Kriegs- und Nachkriegs-Generationen

ein Erfahrungsbericht zum Thema ´Integration´ (die, von lateinisch integrare ‚erneuern, ergänzen, geistig auffrischen‘) steht für:
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Am Wochenende hat es sich ergeben, dass wir mit Kasko, einem unserer neuen Freunde aus Kobane (22), zu Besuch bei meinen Eltern in meinem Heimatort Ihn (Saargau) waren.

Wir waren zum Mittagessen geladen. Oma Doris hat einen Kaninchenbraten aus eigener Zucht gemacht, und zum Nachtisch eine Giotto-Torte – es war wunderbar.
Das Familientreffen in dem von grünen Hügeln umringten Ort hat Kasko natürlich an zu Hause erinnert. Er erzählte davon, wie es früher mal war, und wie der Krieg alles verändert hat – Kriegsgeneration halt.
„So war das hier ja auch mal“ erinnerte sich mein Papa.

„Da haben die Leute hier ganz schön was geschafft“ der junge Kurde sinngemäß „ist alles wieder ganz“, und lässt seinen anerkennenden Blick über das Dorf gleiten, in dem mein Papa einst im Alter von fünf Jahren mit seiner Mutter zu den Trümmern seines Elternhauses gestiefelt war, um beim Beginn des ´Wiederaufbaus´ zu helfen. Das Haus meiner Großeltern allerdings war nur noch Schotter, der erstmal weg musste. Später, nachdem er aus der Gefangenschaft zurück gekommen ist, baute mein Opa dort das Nachkriegshaus auf, in dem 9-köpfige Familie wohnte, bis die Kinder nach und nach ausgeflogen sind. Mein Vater seinerseits ´flog´ seiner Arbeit als Gipser im Wirtschaftswunderland nach München, Paris, Lion bis er zur Zeit des kalten Krieges am Ende der Straße – ca. 50 Meter von seinem Elternhaus entfernt mit meiner Mutter das Haus kaufte, in dem ich mit meinen beiden Brüdern  aufgewachsen bin, und vor 40 Jahren den Stuckateur-Betrieb gründete, den mein Bruder inzwischen übernommen hat.
Heute – fast 77 Jahre nach dem Anfang des 2. Weltkriegs – sitzen wir also in dieser Idylle der ehemaligen Westfront, und lauschen den Erinnerung meines Vaters an den Wiederaufbau. Die Bombenkrater in unserer Gegend, die ich immer mit Schrecken gesehen habe, sind längst vom Wald integriert. Im Frühjahr werden sie von Fröschen als Kinderstube genutzt.
Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich die alten Geschichten, die mich als Kind immer so genervt hatten einmal so empfinden kann: nämlich als vorbei und überlebt.

 

noch vom 1. WK: amerikanischer Soldatenfriedhof bei Verdun

2015-11-28 10.06.19

Und plötzlich Gesetze und Ordnung – Die Rede von Kamal Idris

„Hallo, mein Name ist Kamal Idris , und ich kam vor 11 Jahren aus Syrien als Gastarzt nach Deutschland.
Der Titel „ Und plötzlich Gesetze und Ordnung … „ drückt den großen Unterschied des Alltags der westlichen und der orientalischen Welt aus.
In Zeiten der Medien weißt jeder in Deutschland ungefähr wie es in Syrien läuft. Und wenn auch nicht direkt, so kann man sich vorstellen wie es vor vielen Jahren in Europa lief.
Es fängt in der Schule an . Es wird immer Uniform getragen, Schläge werden akzeptiert obwohl sie offiziell verboten sind. Es gibt nur reine Jungen – und Mädchenschulen. Vor dem Unterricht muss jeder stramm stehen, und den Führer Assad grüßen.
Und so ähnlich geht es beruflich weiter.

Die Arbeitslöhne sind sehr niedrig, weshalb die meisten zwei Jobs haben. Dementsprechend leidet auch die Arbeitsmoral. Am Ende des Monats bekommt man seinen Lohn in bar, da fast niemand ein Girokonto hat.
Beim Einkauf bestellt man an der Kasse was benötigt wird , und bekommt es in einer Plastiktüte gebracht. Man darf nicht einfach zwischen den Regalen rumlaufen.
Die Bürokratie ist ein Fass ohne Boden. Um sein Recht zu bekommen, braucht man oft Beziehungen beziehungsweise viel Geld.
Auf den Straßen herrscht das reinste Chaos. Jeder hupt und es gibt unklare Verkehrsregeln.
Geheimdienste haben ihren Platz überall ! Man darf nie seine Meinung öffentlich sagen wenn sie gegen den Regenten gerichtet ist.
In Syrien herrscht seit 1963 Ausnahmezustandsgesetz, in Wahrheit das Gesetzt der Sippe
Es gibt keine Krankenversicherung. Die Armen müssen in die Staatlichen Krankenhäuser gehen , mit langen Wartezeiten und schlechter Behandlung.
Das deutsche Postsystem ist völlig unbekannt. Deswegen wissen viele Syrer den eigenen Straßennamen oder die Hausnummer gar nicht.
Das sind nur ein paar Beispiele des alltäglichen Lebens in Syrien.

Hierher kommen die Syrer , tragen die Sorge um ihre eigene Familie, suchen Sicherheit , verfolgen die Nachrichten und die aktuelle Lage aus der Heimat, versuchen trotzdem einen neuen Start ins Leben, aber nicht ohne mehr oder weniger Schwierigkeiten.

Hier erzählte eine Syrerin eine Geschichte als sie wie die meisten Neuankömmlinge sehr unsicher durch die Straßen lief . Sie schaute heimlich in die Gesichter anderer Passanten und fragte sich: Was denkt er jetzt über mich? Hat er mich als Flüchtling erkannt?
Plötzlich schreite mich ein Fahrradfahrer beim Überholen an, in einer Sprache die mir noch völlig fremd ist. Seine Mimik verrät wie böse er auf mich war. Er gabt mir wütend zu verstehen , dass der Weg auf dem ich gelaufen bin ausschließlich für Fahrradfahrer ist. Ich hatte das Fahrradzeichen auf der Straße einfach übersehen. Das hinderte mich allerdings nicht daran in meiner Sprache die er nicht versteht zurück zu schimpfen.
Als der Mann verschwunden ist, wurde ich sehr nachdenklich. Ich fragte mich was er für ein Mensch ist, hat er denn nicht gemerkt dass ich ganz neu in dem Land bin? Ich wünschte mir ich hätte dem Mann erzählen können warum ich hier bin. Warum ich solche Fehler mache. Welche Wege ich nehmen musste um hier auf dem Fahrradweg vor seinem Fahrrad zu laufen!
Also, an neue Moderne Regeln im Verkehr, Schulen, Abwassersystem , Mülltrennung, Pünktlichkeit , Korrektheit und anderen Sachen muss noch gearbeitet werden .. Es ist nicht nur eine neue Sprache zu erlernen.
Für die sogenannte Integration ist vor allem das durchdachte System hier in Deutschland sehr positiv .
Dankbar sind alle Flüchtlinge wenn sie in so einer großartigen Gemeinde wie hier in Kirkel unterkommen! Sie sind froh dass so viele Menschen sie mit offenen Armen und Herzen empfangen und helfen wo es geht! Der größte Dank gebührt vor allem den vielen ehrenamtlichen Helfern in ganz Deutschland! Ohne sie wäre so manches nicht möglich!!!
Die Flüchtlinge fragen sich nach dem Rätsel , das hinter dem herzlichen Empfang steckt, und fragen : Was können wir zurück geben ? Sind wir wirklich eine Bereicherung?
Ich denke vor allem sind sie eine Bereicherung der Küche, wegen viel Lob der Deutschen. Die meisten möchten mittlerweile ihr eigenes Restaurant eröffnen. Inschallah
Vielen Dank an alle Beteiligten, Interessierten und der Organisation dieser Veranstaltung“

syrisch – saarländische Winterausstellung im Formenpark

 

 

Kurz vor den Feiertagen ist es spontan zu einer gemeinsamen Werkstattausstellung mit den beiden im Sommer im Saarland eingereisten Künstler_innen gekommen.
Wir sind zu sechst: Reham Abo Al Nojoom, ehemalige Studentin – und Adulrazzak Alsamman, Kunstprofessor der Hochschule der schönen Künste in Damaskus haben ihre Flucht im letzten Jahr hinter sich gebracht, und zeigen nun mit der homburger Quiltkünstlerin Pia Welsch, dem aus Damaskus stammende Saarbrücker Maler Nour Jaafar und uns (Astrid Hilt und Ralf Jenewein von der Bildhauerei Formenpark) einen Auszug aus ihrer Arbeit.

Öffnungszeiten sind noch einmal am Samstag und Sonntag (9./10.Jan) von 14 -17:00 Uhr und (wie immer) nach Vereinbarung.